Wie neurologische Frühförderung hilft, die Leistungsfähigkeit unserer Hunde zu steigern

Mit dem richtigen Maß an Frühförderung können Züchter das Leistungspotential ihrer Hunde besser heben.

Viele Züchter sind überzeugt, dass Leistung vererbt wird. Sie richten ihre Selektions- und Managementprozesse darauf aus, die leistungsfähigsten Welpen eines Wurfes zu erkennen, um mit ihnen weiter zu züchten. Wenn man auf die Analysen von Charles Darwin oder Francis Galton blickt, scheint das nur folgerichtig. Doch eine systematische Analyse der Vererblichkeit von Leistung erfolgte erst in den letzten Jahrzehnten. Patrick Cunningham hat in seiner 1991 erschienen Studie herausgefunden, dass die Leistungsvermögen nur zu etwa 35% von genetischen Faktoren bestimmt wird. Die restlichen zwei Drittel sind auf Training, Management und Ernährung zurückzuführen. Das erklärt unter anderem, warum Individuen trotz gleicher Genetik unterschiedliche Leistungsvermögen zeigen.

Dr. Carmen Battaglia, Genetikexperte des American Kennel Club, erklärt, dass die Unterschiede zwischen einzelnen Hunden vor allem auf die Verwendung von frühen Stimulationsmethoden zurückzuführen ist. Mit den richtigen Methoden ist es möglich, lebenslang anhaltende positive Wirkungen zu erzielen. Die Hunde werden stressresistenter, gesünder und leistungsfähiger, wenn sie in der Frühphase ihres Lebens richtig gefördert werden.

Stimulation führt zu besserer Gesundheit und Stresstoleranz

Wenn Welpen geboren werden, sind ihre Augen und Ohren geschlossen und ihr Verdauungssystem hat nur eine begrenzte Kapazität. Um die Verdauung anzuregen werden sie von der Mutterhündin häufig geleckt. Welpen können anfangs lediglich riechen, saugen und kriechen. Die Körpertemperatur wird noch nicht selbstständig reguliert, sondern durch das Ankuscheln an Mutter oder Geschwister aufrecht erhalten.

Anfangs sind Augen und Ohren geschlossen. Dennoch sind Welpen bereits für taktile und thermische Reize empfänglich.

Doch auch wenn zahlreiche Sinne in dieser ersten Lebensphase noch nicht entwickelt sind, können sie bereits auf einige Reize reagieren, etwa auf thermische und taktile Stimulation (also Berührung bzw. Wärme/Kälte). Zahlreiche Studien an Primaten, Caniden und Mäuseartigen haben gezeigt, welche Auswirkungen die Stimulation hat. Bei Mäusen und Ratten wurde beobachtet, dass ihre Körpertemperatur unter den Normalwert fällt, wenn sie in den ersten fünf bis zehn Lebenstagen täglich für drei Minuten aus dem Nest entfernt werden. Dieser leichte Stress reicht aus, um Hormon-, Nebennieren- und Hypophysen-Systeme zu stimulieren. Der langfristige Effekt bestand in einer deutlich besseren Stresstoleranz gegenüber den nicht stimulierten Wurfgeschwistern. Zudem wurden positive Effekte für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit beobachtet. Gestresste Tiere erkrankten seltener an Krebs oder Infektionskrankheiten, konnten dem Kontakt mit Kälte länger standhalten und hielten Nahrungsentzug länger aus.

Bei Welpen und Kätzchen wurden EEG-Messungen durchgeführt, mit denen die Aktivitäten im Gehirn aufgezeichnet wurden. Die Messungen zeigten, dass stimulierte Tiere schneller reifen und in bestimmten Problemlösungstests besser abschneiden als nicht stimulierte Partner.

Das Super Dog Program des US-Militärs

Das soll jedoch nicht heißen, dass Stress immer gut ist. Es kommt auf das richtige Maß an, da eine bestimmte Menge Stress für den einen oder anderen bereits zu intensiv sein kann, was sich wiederum in Entwicklungsverzögerungen bemerkbar macht. Zu viel Stress kann zu pathologischen Widrigkeiten führen, die beim erwachsenen Tier kaum noch zu heilen sind.

Das Super Dog Program besteht aus fünf Übungen, die mit jedem Welpen zwischen dem dritten und sechzehnten Lebenstag absolviert werden.

Um zu erforschen, welches Maß an Stimulation optimal ist, hat das US-Militär Anfang der 1990er Jahre unter dem Titel „Bio Sensor“ ein Programm entwickelt, das heute eine der Grundlagen für die Ausbildung militärisch eingesetzter Hunde darstellt. Das Programm, das auch als „Super Dog Program“ bekannt ist, besteht aus fünf Übungen, die zwischen dem dritten und sechzehnten Lebenstag durchgeführt werden:

  1. Taktile Stimulation zwischen den Zehen
  2. Mit dem Kopf nach oben gehalten
  3. Kopf zeigt nach unten
  4. Rückenlage
  5. Thermische Stimulation

Eine genaue Beschreibung der Übungen samt Anleitung folgt in Kürze in einem separaten Beitrag. Die Übungen werden täglich mit jedem Welpen einmal durchgeführt und stellen eine Ergänzung zur normalen Aufzucht und Sozialisation dar. Da diese neurologischen Stimulationen in dieser Lebensphase nicht natürlich vorkommen, dürfen sie nicht als Ersatz für die routinemäßige Behandlung angesehen werden.

Bei richtiger Durchführung verbessert sich die kardiovaskuläre Leistung (stärkeres Herz) und die Nebennieren entwickeln sich besser. Die Hunde entwickeln eine größere Toleranz gegenüber Stress und eine bessere Resistenz gegen Krankheiten.

Sekundäre Effekte betrafen auch das Lernvermögen: Stimulierte Jungtiere erwiesen sich als aktiver und neugieriger, schnitten in Problemlösungstests besser ab, waren in Extremsituationen weniger erregt und verursachten weniger Fehler.

Frühe Sozialisation als Grundlage für gutes Sozialverhalten

Mangelhaft sozialisierte Hunde neigen später zu Aggression und Ängstlichkeit.

Mindestens genauso wichtig wie die frühe neurologische Stimulation ist die anschließende Sozialisationsphase. John Paul Scott und John L. Fuller haben die Existenz der Sozialisation bei Hunden 1965 nachgewiesen. Sie definieren Sozalisation so, dass das Mutter- oder Pflegetier seine sozialen Beziehungen auf den Nachwuchs überträgt. Ein Mangel an adäquater Sozialisation führt in der Regel zu unerwünschtem Verhalten wie Aggression, Übertreibung, Ängstlichkeit oder sexueller Unzulänglichkeit gegenüber Partnern.

Kleine Mengen Stress (im Rahmen der neurologischen Frühförderung), gefolgt von einer frühen Sozialisiation führt zu positiven Ergebnissen, erklärt Zucht-Experte Battaglia. „Die Gefahr scheint darin zu liegen, nicht zu wissen, wo die Schwellenwerte für Über- und Unterreizung liegen.“ Das hätten auch Forschungen am Menschen gezeigt. Unsachgemäß sozialisierte Jugendliche entwickeln sich zu Menschen, die auf das Erwachsenenleben nicht vorbereitet sind, unfähig, mit ihren Herausforderungen und Interaktionen fertig zu werden. Versuche, sie als Erwachsene neu zu sozialisieren sind dabei nur selten von Erfolg gekrönt gewesen. „Diese Fehler bestätigen die Vorstellung, dass das Zeitfenster für frühe neurologische und soziale Stimulation nur einmal eintritt“, so Battaglia. „Nachdem es passiert ist, kann wenig oder nichts getan werden, um die negativen Auswirkungen von zu viel oder zu wenig Stimulation zu überwinden.“

Anreicherung führt zu höherer Intelligenz

In der Anreicherungsphase sollen die Welpen ihre Umwelt möglichst frei erkunden können.

Der Sozialisation schließt sich die Entwicklungsphase der „Anreicherung“ an. Sie ist im Gegensatz zu den ersten beiden Phasen nicht zeitlich begrenzt.  Anreicherungserfahrungen beinhalten interessante, neue und aufregende Erfahrungen. Dabei haben die Jungtiere die Gelegenheit, Fremdes regelmäßig frei zu erforschen und damit zu interagieren. Verschiedene Studien haben belegt, dass Jungtiere, die in einer angereicherten Umgebung aufwachsen, eher wissbegierig sind und auch schwierige Aufgaben bewältigen.

Das bekannteste Beispiel für ein Anreicherungsprogramm für Kinder ist die „Sesamstraße“. Studien zeigten, dass Kinder, die das Programm regelmäßig sahen, in Tests besser abschnitten. Follow-Up-Studien wiesen zudem nach, dass diese Kinder später eine höhere Schulbildung anstrebten und bei Aufnahmetests regelmäßig besser abschnitten als Spielkameraden, die keine „Sesamstraße“ schauten. Angereicherte Kinder gehen offener auf die Welt zu und bewerten neue Eindrücke positiv.

Zu ähnlichen Ergebnissen kamen Scott und Fuller in ihren Studien. Hunde, die zwischen der fünften und achten Lebenswoche geringe Mengen äußerer Stimulation ausgesetzt waren, gehen sehr wissbegierig und aktiv auf ihre Umwelt zu. Bei geöffneten Zwingertüren treten die angereicherten Junghunde auch heraus und untersuchten ihre Umwelt. Nicht stimulierte Welpen blieben eher zurück und zeigten mehr Angst vor unbekannten Objekten. Entsprechend empfiehlt Battaglia regelmäßige Ausflüge in den Park, Einkaufszentren sowie Gehorsamkeitstraining und Agility-Training oder Ballspiele.

Sowohl die empirischen Erfahrungen als auch die Forschung haben die positiven Effekte belegt, die durch Stimulations-, Sozialisierungs- und Anreicherungserfahrungen erreicht werden können. Bei richtigem Einsatz können Züchter so das Leistungspotential ihrer Hunde deutlich besser ausschöpfen.

Weiterführende Informationen:

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